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Die aufregenden Jahre des Pfarrers Ernst Hermann Thümmel

Er lebte von 1815 bis 1887 und war Pfarrer in Nümbrecht von 1846-1851.

Ernst Hermann Thümmel war nicht zu beneiden als er 1846 durch den Kirchmeister Engelberth von Straße, zum Pfarrer in Nümbrecht berufen wurde und schon 1848 gezwungen war, einen Bericht an seine Kirchenleitung zu schreiben, die in Koblenz residierte.
Wer war Pastor Thümmel?
Er wurde Weißenfels (Thüringen) 1815 geboren und in der Schulpforta - einer Evan-gelischen Eliteschule - für das Theologiestudium vorbereitet. Er hat bei dem großen Professor Tholuk in Halle  und später in Berlin studiert. Die Pastoral-Hilfsgesellschaft in Berlin schickte ihn als Hilfsprediger nach Lüttringhausen (Rheinland).
Thümmel war eine imponierende Persönlichkeit, mit urwüchsiger Kraft. Er hatte eine volkstümliche Redegabe. Er predigte derb und drastisch, aber in der Kraft des Heiligen Geistes, so dass die Menschen anfingen aufzuwachen.
Freunde warfen ihm vor, er habe in Nümbrecht mehr das Gesetz als das Evangelium gepredigt.
Wer seine Abschiedspredigt aus dem Jahre 1851 liest, die uns ganz erhal-ten ist, kann diese Meinung nicht aufrecht erhalten.
Während Thümmel anfangs nur Hausbesuche in den Höfen machte, begann er später überall auf den Dörfern Bibelstunden zu halten. Diese gute Einrichtung hat später auch Pfarrer Engels fortgeführt.
Thümmel sagte einmal: „In Nümbrecht habe ich gründlich die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; ich habe dort vieles verkehrt gemacht, was Gottes Barmherzigkeit wieder gut machen musste“.
Die Kenner der damaligen Situation im Oberbergischen sind sich darin einig, dass er eine gute Pionierarbeit für die in den folgenden Jahren stattgefundene Erweckung in Nümbrecht und im Oberbergischen geleistet hat.
Insgesamt wirkte er nur 5 Jahre als Pastor in dem großen Kirchspiel Nümbrecht. Aber schon in der kurzen Zeit von eineinhalb Jahren konnte er berichten, dass er 200 Familien besucht habe. Er besaß den Überblick.

Nun zu seinem Bericht, den er 1848 an seine Kirchenleitung schrieb.
Er beschwert sich darüber, dass ihm die Leute im Kirchdorf Nümbrecht hart zusetzen. Und das, so berichtet er, hat seine Gründe im Lebensstil seiner Vorgänger.
Er erwähnt Pfarrer Karl Hengstenberg, der von 1806 bis 1834, die Pfarrstelle inne hatte und maßgeblich am moralischen Tiefstand der Gemeinde  beteiligt war.
Thümmel berichtet, dass Hengstenberg durch seinen unwürdigen Lebenswandel großen Schaden angerichtet habe.
Dieser Kirchenmann war total im Rationalismus seiner Zeit gefangen und hatte den Heidelberger Katechismus, nach dem sein Vater und Großvater ihre Konfirmanden unterrichtet hatten, durch einen unbiblischen Katechismus ergänzt, der von der Provinzial-Synode im Jahre 1844 als „unerträglich“ aus den Gemeinden beseitigt wurde.
Hengstenberg war ein süchtiger Alkoholiker, der morgens vor dem Gottesdienst seinen Brandwein haben musste und sich den in der Kneipe neben der Kirche abholte. Nach dem Gottesdienst verweilte er bis spät in die Abendstunden in der Gaststätte, trank ununterbrochen und fluchte um die Wette mit den anwesenden Gästen
Während seiner Dienstzeit, im Jahr 1830, wurde Nümbrecht durch eine Feuersbrunst heimgesucht. Der obere Teil des Markplatzes, nördlich der Kirche, und auch Teile der Alten Poststraße waren ihr zum Opfer gefallen. Weil auch die Schule und das neue Pfarrhaus abbrannten, fehlen der Kirchengemeinde wichtige Urkunden und Akten, die uns über jene Zeit Auskunft geben könnten.
Dem damaligen Bürgermeister verdanken wir wahrscheinlich, dass alle Gebäude in der heutigen Hauptstraße eine einheitliche Fluchtlinie bekamen. Die alte Straße war sicherlich nicht so breit.
Auch die Kirche hatte durch den Brand Schaden erlitten. Deshalb wurde von der preußischen Staatsregierung eine Kollekte in allen Evangelischen Kirchen in Preu-ßen gesammelt.
1835 war das abgebrannte Pfarrhaus wieder aufgebaut. Es wird erzählt, dass in jener Zeit fasst alle Häuser durch Bauleute errichtet worden seien, die morgens schon im trunkenen Zustand an der Arbeitsstelle erschienen. Einsichtige Dorfbewohner meinten, dass die Nümbrechter durch dieses schreckliche Unglück nichts dazu gelernt hätten.
Am 7. Januar 1835 wurde Friedrich Steins zum Pastor gewählt. Zwölf Polizisten wurden an diesem Tag zur Aufrechterhaltung der Ordnung bestellt. Der Grund: Es gab großen Streit. Der Pfarrer wurde von den Repräsentanten der Gemeinde gewählt. Diese größere Gemeindeversammlung bestand aus Vertretern des Hauptortes und der Höfe. Die verantwortlichen Männer aus Nümbrecht lehnten den Pfarrer ab.
Er wurde mit Stimmenmehrheit berufen.  Am 15. März des gleichen Jahres wurde Steins in Nümbrecht ordiniert und zog in das neu aufgebaute Pfarrhaus ein.
In seiner Amtszeit wurde die Armenpflege neu geregelt, die bis dahin in der Hand der Zivilgemeinde gelegen hatte.
Auf die Kirchengemeinde kam damit eine schwere Aufgabe zu. Erstaunlich ist, dass der Bürgermeister über den Schlüssel des Armenstockes, der sich in der Kirche be-fand und den wir heute noch in der Kirche haben, die Schlüsselgewalt besaß.
Dieses große Ärgernis konnte erst 1850 durch das Presbyterium behoben werden. Wichtig ist zu wissen, dass in diesen Armenstock alle Klingelbeutelopfer eingelegt wurden. Es gab viele Witwen und Weisen im Kirchspiel, die versorgt werden muss-ten.
Bei der Beurteilung der Pfarrer durch den Dorfschullehrer Ley aus Alsbach kommt auch Pastor Steins nicht gut ab. Er bemängelt, dass seine Predigten, wie bei seinem Vorgänger, nicht mal 10 Minuten gedauert hätten.
Sein Nachfolger Thümmel sieht das anders und betont, dass er das Evangelium d.h. den Ratschluss der Erlösung rein und lauter verkündigt habe. Damit habe er der Gemeinde keinen Schaden zugefügt, auch wenn er Predigten von anderen Theolo-gen seiner Zeit vorgelesen habe.
Steins Lebenswandel stimmte nicht. Er wurde öfters von der Kirchenleitung abge-mahnt. Weil er nicht mit Geld umgehen konnte, geriet in eine schmachvolle Abhän-gigkeit von Juden, die in Nümbrecht eine Synagoge besaßen. Eine Wette auf der Kanzel wurde ihn zum Verhängnis. Darum wurde er am 3. Januar 1846 durch die Kirchenleitung  entlassen und amtsentsetzt.  Das konnten selbst seine Freunde, die er immer noch in den einzelnen Ortschaften hatte, nicht verhindern. Steins zog im gleichen Jahr nach Distelkamp und hat dort in sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt.
Das Konsistorium verpflichtete den nachfolgenden Pastor Thümmel, dem amts ent-hobenen Pfarrer Steins von seinem Gehalt jährlich eine Pension von 200 Reichsta-lern zu zahlen.
1847 erbat  Friedrich Steins sich vom Presbyterium eine Abfindung von 2000 Tha-lern, weil er nach Amerika auswandern wollte.1300 Reichstaler wurden ihm ausge-zahlt. Steins verzichtete auf weitere Ansprüche. Das Geld wurde von Nümbrechter Privatpersonen der Kirchengemeinde geliehen. Die Schuldentilgung geschah durch die Pfarrer. Noch bis 1856 zahlten die Pfarrer von ihrem Gehalt die Schulden an die privaten Gläubiger ab. Pfarrer Steins wanderte aus und wurde Pfarrer in NewYork,
Das ist der Hintergrund der Ereignisse, die Pastor Thümmel an seine Kirchen-leitung im Jahre 1848 meldete.
Dieser große kräftige Mann, der eine tiefgreifende persönliche Erfahrung des Glau-bens mit seinem Herrn Jesus gemacht hatte, gehört zu den Gotteszeugen, die das, was sie erlebt haben, auch in die Tat umsetzen. Er sagte einmal: „ Wenn man mir ein Blatt vor den Mund hält, werde ich durch die Nase reden.“
Er nennt in seinem Bericht die Dinge bei Namen!
Was er bei seinem Dienstantritt vorfindet, - besonders im Hauptort Nümbrecht – sind große Verachtung gegenüber der Kirche und ihren Einrichtungen, eine Missachtung der polizeilichen Vorschriften, eine ins unendlich gehende Prozesssucht, Lügenhaf-tigkeit, Völlerei und Spielsucht und Missachtung der Ehe. Viele leben unehelich zu-sammen, zeugen Kinder und sehen das nicht mal als Schande an.
Der Pfarrdienst, besonders die Amtshandlungen, werden nach dem Geld ausgerich-tet. Bei der Geldnot seines Vorgängers war das ein mächtiger Hebel, den Leuten bei allen Amtshandlungen nach dem Munde zu reden oder bei schlechten Opfern Tadel einfließen zu lassen.
Weil Thümmel diesem unchristlichen Leben entgegen trat, erfuhr er von vielen in der Gemeinde radikale Feindschaft.
Er war nun auch nicht gerade zimperlich in seinen Handlungen. So konnte er die Männer mit einem Stock aus den Wirtshäusern treiben. Er wurde auf offener Straße beschimpft und verspottet. Als ihn in der Dunkelheit einige verdächtige Gestalten an-greifen wollten, spuckte er in die Hand, nahm seinen Knotenstock und schrie in die Nacht hinein: „Heiliger Geist stärke mich“. Erschreckt flohen die Feinde, so schnell, wie die Füße sie tragen konnten.
Die Schieferbekleidung seines Pfarrhauses wurde öfters mit Steinen attackiert. In einer Nacht wurde sein Haus unter Beschuss genommen. Mindesten hundert Pisto-lenschüsse fielen, und das schlimmste, die Ortspolizei reagierte nicht.
Viele junge Männer mussten nach ihrer Konfirmation in Wuppertal arbeiten. Das Kirchspiel Nümbrecht war überbevölkert Es fehlten einfach die Arbeitsplätze. Die 6000-köpfige Gemeinde geriet immer mehr in die Armut hinein. Deshalb suchten die Männer außerhalb Arbeit, zogen als Pflasterer nach Wuppertal, gingen im Frühjahr und kamen im Spätherbst wieder.
Pastor Thümmel erkannte die Gefahr, denen die jungen Männer in Wuppertal ausge-setzt waren. Darum lud er sie im Winter in sein Pfarrhaus ein. Als die 60 jungen Leu-te an einem Abend die Jugendstunde verließen, wurden sie von einer beträchtlichen Anzahl von Dorfbewohnern mit Steinen angegriffen und verprügelt. Die hatten sich zuvor in einem der Gasthäuser Mut angetrunken.
In Nümbrecht, das damals 500 Einwohner zählte, gab es 12 Gaststätten. Nur sie hat-ten die Genehmigung, Brandwein zu verkaufen. Pastor Thümmel nahm den Kampf gegen den übermäßigen Alkoholgenuss auf und gründet einen Enthaltsamkeitsver-ein, der bei seinem Nachfolger G.J. Engels über 750 Mitglieder zählte. Noch aber stand diese positive Entwicklung am Anfang. Der Widerstand war groß.
An den großen Festtagen und in der Silvesternacht hatte sich unter seinem Vorgän-gern eine Unsitte breit gemacht. So berichtet er der Kirchenleitung. Eine Gruppe von Dorfbewohnern stieg in den Turm ein und schlug und beierte die Glocken. Selbst der Polizeidiener und der Bürgermeister, die vor der Turmtreppe standen, können diesen Unsinn nicht verhindern, sie wurden von einer großen Rotte angefallen. Oft ging das bis morgens um vier in der Frühe. Es war für die Nachbarn unerträglich, aber keiner wehrte sich. Obwohl  die Namen von sechs Männern notiert wurden, tat sich nichts.
Am Neujahrstag waren die Verursacher dieses Spektakels an den Haustüren vorbei-gegangen um eine Belohnung für dieses Läuten einzusammeln.
Männer, - wahrscheinlich aus Huppichteroth – hatten sich zudem einen Schlüssel nachgemacht und stiegen über Nacht in den Turm.
Seit 1847 gab es in Nümbrecht ein jährliches Missionsfest. Neben der Nümbrechter Gruppe schlossen sich die Vereine Oberbreunfeld, Niederbreidenbach, Großfisch-bach, Elsenroth und Jenneken zum Homburger Missionsverein zusammen.
Ein Gemeindeglied hatte der Kirchengemeinde zu diesem Anlass Antependien für die Kanzel und den Abendmahlstisch geschenkt.
Nach 14 Tagen fanden einige Familien im Dorf darin den Anlass, die Gemeinde auf-zuwiegeln. Um den Streit zu schüren, suchte man eine Zeitungfehde zu inszenieren. Da sich das Presbyterium positiv zu diesem Geschenk geäußert hatte, brachen Nümbrechter in einer Nacht in die Kirche ein und zerrissen die Kanzelbekleidung in tausend Fetzen. Man erklärte, das sei kein Diebstahl gewesen, sondern nur ein Weg-räumen von etwas Anstößigem. Das Anstößige war ein Kreuz, das sich auf dem Tuch befand. Auch hier fehlte die Hilfe der Ortspolizei. Aus Angst wurde das Problem unter den Teppich gefegt und verharmlost.
Soweit der aufregende Bericht von Pfarrer Thümmel an sein Konsistorium.
In Nümbrecht regte sich der Widerspruch und die Feindschaft. Doch der Pfarrer rode-te gründlich. Da und dort bekehrten sich Menschen, unter anderem der gesegnete Dorfschullehrer Ley aus Alsbach.
Pastor Thümmel trat eine Stelle in Wuppertal an und hat dort viele Jahre im Segen gewirkt. Er starb im Jahre 1887
Als Nachfolger kam der stille Säemann Gerhard-Jakob. Engels nach Nümbrecht und streute auf den aufgebrochenen Boden den Samen des göttlichen Wortes aus.
Die Saat ging auf. Nümbrecht und die umliegenden Höfe erlebten einen geistlichen Aufbruch, der heute noch zu erkennen ist.
Literatur:
Ernst Buddeberg: Jakob Gerhard Engels. Ein Ewigkeitsmensch
Fr.Auge‘ : J.G.Engels: Ein Lebensbild
L. Tiesmeyer: Erweckungsbewegung in Deutschland !902
Kirchenarchiv der Ev. Kirchengemeinde Nümbrecht Karton7. Akte 11-4/24
Abschiedspredigt von Pfarrer Thümmel 1851 ( Archiv der Kirchengemeinde Nüm-brecht
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