Johannes Bonekämper, ein Nümbrechter wird zum Bahnbrecher des Evangeliums in Russland
Die Inschrift seines Grabsteines auf dem Nümbrechter Friedhof lautet:
„Hier ruht der in Niederbräunfeld 1796 gebor in Südrusland 24 Jahre gewesene Pastor Joh. Bonekämper. Gestorben - den 24 Januar 1857 zu Nümbrecht. Selig sind die Todten die in dem Herrn sterben. Halleluja“.
Am Ende des Nümbrechter Friedhofes steht ein Grabstein, der durch die Zivilgemeinde im Jahre 1986 liebevoll restauriert wurde. Er erinnert an Johannes Bonekämper, der am 6. Juli 1796 in Nieder-Breunfeld als Sohn des Ackerers Wilhelm Bonekämper und seiner Ehegattin Wilhelmine Fröhling geboren wurde und am 24. Januar 1857 in Nüm-brecht starb. Seine Taufe erfolgte am 12.Juli 1796 in der reformierten Kirche zu Nüm-brecht durch Pastor Johann Hengstenberg. Johannes hatte drei Brüder: Johann Heinrich (geb. ca.1798), Jakob (geb. ca. 1800) Caspar (geb. 1802), und eine Schwester. Die Mutter starb bereits 1802, sein Vater wenige Jahre später am 12.März.1807. Er wuchs ohne innere Bindung an den christlichen Glauben auf. Seine Schulkenntnisse waren sehr mangelhaft, weil er nur zwei Monate im Jahr die Schule besuchen durfte. Bei den Pflegeeltern musste er hart arbeiten. Der Konfirmationsunterricht, den er in Nüm-brecht besuchte, blieb bei ihm ohne Eindruck. Mit 16 Jahren verließ er seine Heimat und ging nach Elberfeld, um das Schmiedehandwerk zu erlernen. Die Ehefrau seines Meisters war eine gläubige Christin. Er empfand gegen sie eine starke Abneigung, obwohl sie ihm nie etwas zu Leide getan hatte. In einem Gespräch, das er und einige andere Gesellen mit dieser Meistersfrau hatten, erklärte diese ihm anhand von Jo-hannes 19, dass Jesus in diese Welt gekommen sei, Sünder zu erretten. Sie sprach von Buße und Bekehrung, und dass der Mensch wiedergeboren sein müsse, wenn er Glied des Volkes Gottes sein wolle. Diese Frau, die er am Anfang seiner Handwerker-lehre ablehnte, wurde für ihn Wegweiserin zu Jesus Christus. Johannes Bonekämper bekehrte sich und wurde ein bewusster Christ. Die Folgen blieben nicht aus und die Veränderung wurde offenbar. Er setzte sich von seinen gottlosen Freunden ab, be-suchte die Gottesdienste und später einen Bibelkreis.. Mehr und mehr kam in ihm der Wunsch auf, nach Nümbrecht zurückzukehren und hier die frohe Botschaft von Jesus zu bezeugen. Es mag im Jahr 1816 gewesen sein, als er das Homburger Land wiedersah. Zuerst waren die Leute sehr aufgeschlossen gegenüber dem, was er zu sagen hatte. Bald aber wendete sich das Blatt und die Bewohner rückten von ihm ab. Sie sagten: „Der will eine Sekte stiften, denn was er sagt, haben wir noch nie von unserem Pastor gehört." Bonekämper erklärte: „Ich weiß nichts Neues, sondern nur das, was Gott durch Moses, die Propheten und zuletzt durch seinen Sohn geredet.“ - Damals haben sich einige „Stille" ( Anhänger Gerhard Tersteegens ) mit Bonekämper in der Nähe von Breunfeld versammelt. Eine kleine Gemeinschaft entstand, die christliches Leben zu verwirklichen versuchte. Von einer Erweckung kann nicht gesprochen werden. Nachdem Bonekämper seinen Soldatendienst in den Jahren 1817/18 abgeleistet hatte, ging er zurück nach Elberfeld, wo er sich dem Jünglingsverein des Pfarrers Döring anschloss. Hier hörte er durch den Pfarrer Lindl den Ruf an christliche junge Männer, in Südrussland zu missionieren. Diesem Ruf wollte er folgen. Er bewarb sich bei der Basler Mission. Vor der Aufnahme ins Missionsseminar schickte man ihn noch ein Vierteljahr in Pestalozzis Lehrerbildungsanstalt, um seine Eignung zu prüfen. Viele Deutsche hörten in jener Zeit den Ruf des Zaren, Gebiete seines Landes zu besiedeln. Unter ihnen waren eine große Anzahl von Mitgliedern der Erweckungsbewegung das Jahr 1847 die Wiederkunft Christi von Osten her erwar-teten. (Von 1812 bis 1857 wurden allein am Schwarzen Meer 10.000 Familien angesiedelt. - Um 1911 zählte man 540.000 Deutsche in diesem Gebiet.) In Basel wurde Bonekämpers theologische Haltung im Sinne der pietistischen Erweckungsbewegung geprägt. Am 21. Oktober 1821 wurde er in die Missionsschule aufgenommen. In jener Zeit sandte die durch Spittler gegründete Basler Mission viele Brüder zu den Kolonisten nach Südrussland, so auch Johannes Bonekämper. Am 28. März 1824 wurde er in Lörrach (Baden) ordiniert und mit vielen anderen auf den Weg geschickt. Durch Superintendent Böttinger aus Odessa (Odessa liegt am Schwarzen Meer) wurde Bonekämper der Pfarrdienst im Kirchspiel Rohrbach übertragen. In den von Deutschen gegründeten Siedlungen: Rohrbach, Worms, Johannesthal, Friedrichsthal, Waterloo und Stuttgart und in der kleinen Kolonie Julienfeld predigte er das Evangelium. Er betreute insgesamt 2.500 Gemeindeglieder in einer Entfernung bis zu 130 Kilometer. Bonekämper wurde mit Begeisterung begrüßt. Nach den schwierigen Anfangsjahren war bei den deutschen Siedlern ein bescheidener Wohlstand eingekehrt. Bonekämper hat nicht nur frei das Wort vom Kreuz gepredigt, sondern auch zur Hebung des materiellen, geistigen und moralischen Niveaus beigetragen. Nach kurzer Zeit konnte man das sehen: Die Orte erhielten ein besseres Aussehen, die Trunksucht ging zurück, neue Häuser wurden gebaut, der Wohlstand mehrte sich und die Viehherden wurden größer. Das Gewicht seiner Tätigkeit legte er auf die Erweckungspredigt. Sein Ziel war die persönliche Bekehrung jedes einzelnen zu Christus. Dazu führte er die „Erbauungsstunden" ein - diese „Stunden" hatte er in Wuppertal kennen gelernt - andere Auswanderer kannten sie aus ihrer württembergischen Heimat. In den ersten vier Jahren war der Erfolg sehr gering. Erst ab 1829 sah er einen Aufschwung im geistlichen Leben seiner Gemeinde. Ein Jahr nach seinem Amtseintritt, im Jahre 1825, heiratete er Helene von Heinleth, die Tochter des Hofrats Aloisius Joseph von Heinleth aus Odessa, der aus München nach Südrussland eingewandert war. Aus dieser Ehe gingen 12 Kinder hervor, von denen der erstgeborene Sohn Carl am bekanntesten war. Seine Frau Helene starb bei der Geburt ihrer Tochter Louise im Jahr 1842. Von ihren 12 Kindern lebten bei ihrem Tod noch 8. Nun übernahm Juliane Uhl den Haushalt. Er heiratet sie. Auch sie starb leider nach der Geburt ihres ersten totgeborenen Kindes. Nicht nur die Gottesdienste und Erbauungsversammlungen waren gut besucht, auch die Nachfrage nach persönlicher Seelsorge wuchs enorm. Immer mehr Gläubige richteten in ihren Häusern solche „Stunden" ein. Die Bewegung ging über die Gemeinde hinaus bis nach Odessa. So wurde er im Laufe der Jahre zu den bekanntesten Vertretern der Stundenbewegung unter den evangelischen Christen in Russland. Da Bonekämper das Pfarramt der institutionellen Kirche innehatte, fand diese Bibelstunden-Bewegung innerhalb der Kirche statt. Die Höhepunkte der Erweckung in Rohrbach waren im Winter 1837/38 und später im Jahre 1846. Andernorts bewegten sich die Stundisten im freikirchlichen Raum. Die letzten zehn Jahre seines Dienstes in Rohrbach waren von konfessionellen Auseinandersetzungen geprägt: Der Grund war ein Kirchengesetz von 1832. Die Lutheraner, unter ihnen der Probst von Odessa, Pfarrer Fletnitzer, - auch ein Basler Missionsschüler, - zogen aus, um Einfluss über die reformierte Minderheit in Rohrbach - Worms zu bekommen. Es gab in der Gegend sonst nur lutherische Kirchen. Die Auseinandersetzung blieb nicht sachlich. Der Streit artete in persönliche Intrigen gegen Bonekämper aus. Es führte schließlich dazu, dass Bonekämper sein Amt aufgab. Anlass bot eine junge Rohrbacherin, die im Pfarrhaus lebte und dem zweimal verwitweten Pfarrer den Haushalt führte. Die neue Haushälterin hieß Christine Perlenfein. Sie wurde am 20.September 1820 in Pfaffenhofen bei Heilbronn geboren. Im Sommer 1831 war sie zusammen mit Eltern, Großvater, Onkel und fünf Geschwistern nach Rohrbach ausgewandert. Der Vater war Metzger. Es gab üble Nachrede, Verleumdung, moralische Verdächtigungen und heftigen Widerstand gegen das Stundenwesen. Zwar heiratete Bonekämper 1849 seine Haushälterin (sie war damals 28, er 53), aber er hatte schon im November 1847 um seine Entlassung gebeten. Bonekämper hatte nicht die Absicht aus dem Amt auszusteigen. Sein Plan war, mit Frau und Kindern über Bremen nach Amerika auszuwandern um dort Pfarrer von ebenfalls aus Südrussland ausgewanderten Kolonialisten zu werden. Als Sammelplatz dieser Kolonialsten war Konstantinopel bestimmt worden. Die Reise dorthin verzögerte sich über Erwarten. In Galati traten Christen an ihn heran und baten ihn, Pfarrer einer Russlanddeutschen Einwanderergruppe zu werden. Er und seine Frau sahen es als Gottes Führung an, in der neugegründeten Siedlung Atmadscha, in dem damals noch türkischen Dobrudscha, die Berufung anzunehmen. Die Übersiedlung erfolgte am 14. August 1849. In dieser Zeit wurden den Eheleuten noch zwei Kinder geboren, die Tochter Christine (1850) und der Sohn Jakob Wilhelm (1851). Hier kam es zu großen unerträglichen Schwierigkeiten mit einigen Gemeindegliedern wegen seinen ernsten Bußpredigten und mehr noch durch die türkischen Behörden. Der Vater bekam zudem großen Ärger mit seinem heranwachsenden Sohn Friedrich. Dieser hatte eine Liebschaft mit einer Kolonistentochter angeknüpft und trieb sich spä-ter bettelnd in der Stadt umher, bis er von einem türkischen Offizier als Haubursche aufgenommen wurde. 1855 kehrte Johannes Bonekämper mit seiner Familie nach Nümbrecht zurück. Inzwischen hatte sich in Nümbrecht manches getan. Hier stand ein Mann auf der Kanzel, der das Evangelium lauter und rein verkündigte. Nach der Pionierzeit durch Pfarrer Thümmel 1846-1850 hatte Jacob Gerhard Engels (ab 1851) in Aufopferung und mit großer Vollmacht, seinen Dienst aufgenommen. Er wirkte 46 Jahre in Nümbrecht. Bonekämper fand in Engels einen guten Freund, den er nach Kräften unterstützte. Bonekämper wohnte mit seiner Familie im Haus von Heinrich Soehn. Hier wurden ihm noch einmal Zwillinge geboren: Maria-Caroline und Johanna Henriette. Sie wurden im Pfarrhaus durch Pastor Engels getauft. Pfarrer Bonekämper kränkelte und starb am 24. Januar 1857 erst sechzigjährig an Auszehrung.
Im Jahre 1858 reiste die Witwe, die bei dem Tod ihres Mannes nicht einmal 37 Jahre alt war, zu ihren Verwandten nach Pfaffenhofen. Im Jahre 1861 fand ihr Umzug von Nümbrecht nach Pfaffenhofen statt, wo sie mit materieller Unterstützung ihrer Familie rechnen konnte. Schon 1863 machte sie sich wieder auf den Weg nach Russland. Ein verwitweter Lehrer des alten Kirchspiels hatte ihr einen Heiratantrag gemacht. Ihre drei jüngsten Kinder nahm sie mit. Zehn Jahre später siedelte die Lehrerfamilie Großhans nach Amerika über. Christine starb am 7.3. 1895 in Sutton ( Nebraska). Christine Bonekämper-Großhans hat ihre unfangreichen Lebenserinnerungen niedergeschrieben. Sie befinden sich im Besitz ihrer in Nebraska lebenden Angehörigen. Auch der in Dorudscha (1851) von ihr geborene Sohn Jacob Wilhelm wurde Prediger. Seine Ausbildung erhielt er im Seminar der Rheinischen Mission. Er wurde Mitglied im Verein für die protestantischen Deutschen in Nordamerika. In der Gemeinde Sutton, (Nebraska) in der er die Pfarrstelle annahm, lebte auch seine Mutter Christine Großhans-Bonekämper.
Carl, der älteste Sohn Bonekämpers hatte in Kiew seine Schulausbildung erhalten. Nach seinem Schulabschluss wanderte er nach Amerika aus, wo er am „Franklin und Marschall College“ in Measberg Theologie studierte. Er nahm die US- Staatsbürger-schaft an und wurde in der „German Salem Church“ in Philadelphia ordiniert. Sein Amerika -Aufenthalt dauerte von 1849 bis 1854. In dem letztgenannten Jahr besuchte er Pastor Engels in Nümbrecht und wirkte sieben Jahre als theologischer Lehrer auf St. Chrischona in der Schweiz. Er hat dort mit großem Ernst sein Amt verwaltet. Das Komitee der Missionsschule gab ihm den Titel: „Herr Ordinarius“. In der Schweiz lernte er auch seine Frau Eugenie Lang kennen. Er heiratete sie 1857. Die Liebe zur alten Heimat war geblieben. Im Jahre 1858 unternahm er eine mehrmonatige Besuchsreise durch Russland. Am 3. Mai 1865 übernahm er die reformierte Pfarrstelle in Rohrbach. Es war die Pfarrstelle, in der sein Vater 24 Jahre lang gedient hatte. Carl Bonekämper war begabt und hatte durch seine Sprachkenntnisse ( er sprach fließend sieben Sprachen) die Möglich-keit, mit andern Siedlergruppen in Verbindung zu treten. Auch mit der russischen und ukrainischen Sprache war er vertraut, persönlich sehr liebenswürdig, immer hilfsbereit und ständig zur Verfügung, um jedem in geistlichen Dingen Rat zu erteilen. Er hat im Geiste seines Vaters gewirkt, dessen Arbeit fortgeführt und im Blick auf die Stundenbewegung die Türen zur russischen Bevölkerung geöffnet und warmherzig gefördert. Durch die Zurücknahme der Privilegien verließen immer Kolonisten Russland und wanderten nach Amerika aus. Auch Carl Bonekämper war dabei und siedelte im Jahre 1876 mit vielen Gemeindegliedern nach Amerika über. Er starb am 14.1.1893 in Scotland, South Dakota, im Alter von 65 Jahren
Die stundistische Bewegung in Russland nahm auch ohne die Bonekämpers ihren Fortgang und breitete sich später in der ganzen UDSSR aus. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, ob die Inschrift auf dem Grabstein von Johannes Bonekämper auf dem Nümbrechter Friedhof „Vater der Stundisten" so stimmt. Es gab auch andere Männer in Russland, die diesen Gedanken verwirklichten. Sicher aber ist Johannes Bonekämper einer der Väter der stundistischen Bewegung, die im Laufe der Zeit ganz Russland ergriff. Bei diesem „Stundismus“ handelt es sich später um sehr unterschiedliche Gruppen deutsch-russischer Christen, die sich zum Lesen und Auslegen der Bibel und zum Singen und Beten zusammengefunden hatten. Ihr Anliegen war, im Sinne der Erweckungsbewegung die Menschen zu „Herzenschristen" zu machen, sie in ihrer Kirche oder Gemeinde zu belassen und zu einem lebendigen christlichen Glauben und Leben zu führen. Besonders in der bolschewistischen, kommunistischen Zeit von 1918-1989 waren die stillen Versammlungen in den Häusern, oftmals auch in den Wäldern, die einzige Möglichkeit sich als Christen zu treffen und Gottesdienste zu feiern. Auch als alle Pfarrer und Gemeindeleiter getötet oder nach Sibiriern verschleppt waren, war diese Hauskreis-bewegung, trotz Verbote, eine der wenigen Möglichkeiten miteinander die Heilige Schrift zu lesen und zu beten. Sicher wird erst in der Ewigkeit klar, welch ein Segen durch diesen Stundismus in den Weiten Russlands und den verbundenen Staaten entstanden ist.
Literatur:
Rolf Bonekämper: Aufsatz über Johannes Bonekämper 27.4.04 Carl Diemstraße 42477 Radevormwald
Dietrich : „Siedler, Sektierer und Stundisten“, Hänssler Verlag