Wilhelm Seinsche In Nümbrecht, auf der Höhenstraße, befindet sich eine deutsche Einrichtung der Ernst-Christoffel-Blindenmission, die maßgeblich von dem Nümbrechter Diakon Wilhelm Seinsche geprägt wurde.
Nümbrecht gehört zu den Orten in Deutschland, die Gott reich gesegnet hat. Hier gab es nicht nur Männer und Frauen die Gottes Wort vollmächtig bezeugten und es verstanden, Menschen zum lebendigen Glauben zu führen, sondern auch Mitarbeiter die ihre Beziehung zu Gott dem Vater in die Tat der Liebe umsetzten.
Einer von ihnen war der Diakon Wilhelm Seinsche.
Wilhelm (Willi) Seinsche wurde am 1. September 1910 in Stockheim (Gemeinde Nümbrecht) geboren, wuchs in einer Familie auf, in der die Gottesfurcht und der Glaube an Jesus Christus überzeugend gelebt wurde.
Nach seiner Volksschulzeit in Driesch, (heute Bierenbachtal Gemeinde Nümbrecht) absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Wiehl (1926-1928) Das war eine Voraussetzung für den Eintritt in die Diakonenanstalt in Duisburg. Hier lernte er die Krankenpflege von der Picke auf und legte später noch die Staatsprüfung als Masseur ab.
Schon nach zehn Monaten Dienst im Krankenhaus der Firma Krupp in Essen, wurde er zum kaufmännischen Leiter des Diakoniekrankenhauses in Duisburg berufen.
Willi Seinsche heiratete im Juni 1937 seine Frau Rosel geborene Schleinitz.
Drei Kinder wurden den Eheleuten geboren: Werner 1938, Reinhard 1939 und Roswitha 1941.
Bei Kriegsbeginn, im Herbst 1939, wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Zusammenbruch, am 8. Mai 1945, dauerte es nicht lange bis zur Einstellung als Krankenpfleger und Masseur im Waldbröler Krankenhaus (27. August 1945 bis 30. Juni 1948)
Dann kam ein neuer Auftrag, der sein ganzes Leben bestimmen sollte.
Im Bierenbachtal lebte Karl Löwe. Er war 1934 mit seiner Familie als Ruheständler ins Oberbergische gekommen. Zuvor war er von Beruf kirchlicher Wohlfahrtspfleger und hatte bis dahin in Düsseldorf gearbeitet. Er unterhielt zu jener Zeit schon eine Freundschaft mit dem Orientmissionar Ernst Jakob Christoffel.
Dieser war 1946 nach fast drei Jahren aus einem Englischen Internierungslager entlassen worden. Sein Lebenswerk hatte der Krieg zerstört. Ernst Jakob Christoffel hatte sich in den Jahren zuvor im Iran der Blinden und Taubstummen angenommen. Erst 1951 konnte er mit Hilfe schwedischer Christen wieder ausreisen und neu beginnen.
Im zerrissenen Deutschland sah er das Elend der Kriegsblinden. Gott gab es ihm ins Herz, sich dieser Menschen anzunehmen. In seinem Freund Karl Löwe hatte er den Mitarbeiter gefunden, mit dem er seinen Plan in die Tat umsetzen konnte. Er gab ihm den Auftrag, im Namen der Blindenmission, dessen Vorsitzender er war, ein Haus zu bauen, in dem Blinde, besonders aber Kriegsblinde betreut werden sollten. Karl Löwe war 1888 geboren. Er packte trotz seines fortgeschrittenen Alters die Sache an und suchte für seine Ideen Freunde zu gewinnen. Christoffel kam in der Planungsfase oft nach Nümbrecht und wohnte in der Pension Grümer.
Karl Löwe kannte den jungen aktiven Diakon Willi Seinsche. Er berief ihn nach Absprache mit Ernst Christoffel in den Dienst eines neuen Werkes, das zu jener Zeit vor der Währungsreform, nur auf dem Papier stand. Es war kein Geld da. Die meisten Freunde der Mission lebten im Raum der damaligen Ostzone. Und da hatten sie ganz andere Probleme.
Willi Seinsche verließ seine gute sichere Stellung in Waldbröl und stellte sich dem Abenteuer. Sein erster Arbeitstag war der 1. Juli 1948.
Die Aufgabe von Willi Seinsche und Karl Löwe war, Spender für ihre Idee zu finden. Sie reisten ins benachbarte Siegerland, besuchten die Evangelischen Gemeinschaften und CVJM’S. Auch die Bibelkreise im Oberbergischen wurden in die Spendenaktion hineingenommen. Beide waren dabei sehr aktiv. Eine ledige Frau aus dem Bierenbachtal, Laura Henkels, die es mit ihren drei Schwestern durch den Krieg dorthin verschlagen hatte, half den Männern und leitete die Buchführung.
In ihre Werbeaktion wurden auch die kleinsten Geber eingebunden. Bausteine für 5DM wurden verkauft. Es gab großzügige Einzelspender von Fabrikanten, Einzelhandelsgeschäften und Handwerksbetrieben, die hinter dem Projekt standen. Die Landwirte in der Umgebung gaben Naturalien in Form von Bauholz, andere setzten sich kostenlos mit ihrer Kraft auf der Baustelle ein.
Der Nümbrechter Pfarrer Nieden und seine Presbyter machten Nägel mit Köpfen und stellten das große mit Eichen bepflanzte Grundstück als Erbpacht zur Verfügung. Sie unterstützten den Plan mit allen vorhandenen Möglichkeiten und sammelten in ihren Veranstaltungen Kollekten für das Haus.
Als die Grundsteinlegung am 22. Mai 1949 in Anwesenheit von Pastor Christoffel und den Vorstandmitgliedern der Mission stattfand, wussten alle noch nicht, wie es zur Vollendung des Bauwerkes kommen sollte. Sie setzen ihr volles Vertrauen auf den lebendigen Gott.
Drei Jahre nach der Berufung von Diakon Seinsche, am 5. August 1951, wurde das Evangelische Blindenheim in Nümbrecht auf der Höhenstraße (das jetzige Ernst –Christoffel- Haus) in einer eindrucksvollen Feierstunde seiner Bestimmung übergeben. Dieser Tag war für Pastor Ernst Christoffel, Karl Löwe, Willi Seinsche und viele andere ein glücklicher Tag. Zu Ihren mutigen Glaubensschritten hatte der HERR die Erfüllung geschenkt.
Als 1951 das Haus eröffnet wurde, übernahm Karl Löwe die Leitung, hat sie aber schon im Jahr 1952 wegen eines schweren Herzleidens an Willi Seinsche übergeben.
Die ersten Gäste waren Kriegsblinde aus ganz Deutschland, die auf der Höhenstraße nicht nur eine neue Heimat fanden, sondern auch den Ort, an dem sie oft zum ersten Mal klar die rettende Botschaft von Jesus Christus hörten. Bis heute wird im Haus täglich eine Andacht gehalten. Neben jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Gemeinde taten auch zwei Diakonissen hier ihren Dienst.
Die Inbetriebnahme des Hauses gestaltete sich am Anfang sehr schwierig. So ein Arbeitstag war für alle kein Pappenstiel. Der grundlegende 49 Stunden Wochendienst wurde von den meisten weit überschritten. Das bedeutete besonders für den Leiter, dass er rund um die Uhr zur Verfügung stehen musste.
Nach seiner Bürozeit kam die Seelsorge dran. Die kaputten Männer und Frauen brauchten Zuwendung. Nie kam Willi Seinsche vor 20.00 Uhr in seiner Familie an.
Das Haus platzte bald aus allen Nähten. Im Jahre 1964 bis 1965 musste ein zweiter Bauabschnitt in Angriff genommen werden. Inzwischen hatte sich ein großer Freundeskreis gebildet, der willig seine Spenden für diese Erweiterung einbrachte.
Am 1. Oktober 1973 ging Willi Seinsche in den Ruhestand. Seine seelsorgerliche Tätigkeit und auch die Verbindungen zu den vielen Freunden der Ernst-Christoffel-Mission in der DDR hat er noch lange gepflegt.
Die Sanierung des Hauses und den dritten Bauabschnitt, der 1989 mit meist staatlichen Mittel abgeschlossen wurde, hat Willi Seinsche als unmittelbarer Nachbar mit Freuden beobachtet und wahrgenommen.
Unter der Leitung seiner Nachfolger entwickelte sich das Haus auf der Höhenstraße mit der Zeit mehr und mehr zu einer Heimat für Sehbehinderte und Pflegebedürftige.
Die Verbindung zur Evangelischen Kirchengemeinde hat Willi Seinsche nie abreißen lassen. Viele Jahre lang war er ihr Presbyter. Als Vorsitzender des Kirchlichen Hilfsvereins hat er sich für den Umbau und die Erneuerung des Evangelischen Vereinshauses im Bierenbachtal eigesetzt.
Siegfried Melenk aus Ödinghausen und er leiteten die Gemeinde- und Seniorenfreizeiten, die sehr gerne von den Gemeindegliedern angenommen wurden.
In einer Zeit großer Krisen kam Pastor Henrici im Frühjahr 1985 in die Evangelische Kirchengemeinde nach Nümbrecht. Hier stellte sich Willi Seinsche als Berater aber auch als Beter ein, dem es um Versöhnung und Frieden in der Gemeinde ging. Er hat seinen Pastor mit großer Weisheit und enormer Sachkenntnis begleitet.
Er war immer ein treuer Besucher der Bibelstunden und freute sich über den neuen Aufbruch.
Im hohen Alter wurde es stiller um ihn. Er musste lernen, wie viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Reiche Gottes vor ihm, was es heißt, „dass Christen durch viel Trübsal in‘s Reich Gottes gehen müssen“. Seine Frau verstarb am 15.September 1990, kurze Zeit später seine Tochter, die in Süddeutschland verheiratet war. Er durfte auch in dieser Lebenssituation die Bestätigung erfahren, dass sein HERR, der ihn erwählte und zu verantwortungsvollen Diensten berufen hatte, zu SEINEN Verheißungen steht.
Der sehende Willi Seinsche ist nicht nur Blinden, sondern auch vielen - nach dem Sinn des Lebens suchenden Menschen - Wegweiser zum Licht geworden.
Am 4. April 2008 ist er heimgegangen, im festen Glauben daran, dass er mit all den Erretteten den HERRN in SEINEM Licht schauen darf.
Hans Henrici