Johannes Conrad 1871-1957
Ein Pastor, der zweimal Pfarrer in Nümbrecht war.
Johannes Conrad wurde am 25. Oktober 1871 in Remlingrade geboren. Sein Vater war dort Gemeindepastor. Die Eltern waren fröhliche Gotteskinder, die ihm Vorbilder zur Christusnachfolge wurden.
Im Jahre 1888 durfte der junge Oberschüler mit Freunden seines Schülerbibelkreises (BK), eine Ferienreise nach Nümbrecht machen. Hier trafen sie sich mit einem der Gründer der Schülerbibelkreise, dem Hilfsprediger von Pastor Engels, Wilhelm Weigle, zusammen. (Zu den Gründern der BK gehörten außerdem Pastor Alfred Christlieb in Heidberg und Pastor Friedrich Mockert. (Nachfolger von Pastor Engels)
Am folgenden Sonntag saß Johannes hinter einem dicken Pfeiler der Nümbrechter Kirche und hörte Pastor Engels. Viele Jahre später konnte er sich noch an die Predigt erinnern, die Engels über Römer 5,5 hielt: „ Hoffnung lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
Johannes begann im Herbst des Jahres 1887 mit dem Studium der Theologie und hatte den heißen Wunsch, Vikar bei Pastor Engels zu werden. Dieser ging im Jahre 1894 tatsächlich in Erfüllung. Für ihn war die Gemeinschaft mit dem erfahrenen Gottesmann ein unvergleichliches Erlebnis.
Nach einem Jahr(1895) war die für ihn lehrreiche und gesegnete Zeit zu Ende. Conrad wurde theologischer Lehrer im Johanneum in Wuppertal. Sonntags half er seinem leidenden Vater beim Predigtdienst in Cronenberg. Er wirkte in der Evangelistenschule bis zum Ende des Jahres 1897, um dann dem Ruf der Gemeinde Nümbrecht in die neu errichtete 2. Pfarrstelle zu folgen.
Pfarrer in Nümbrecht von 1897- 1907
Inzwischen war Pastor Engels heimgegangen. Sein Freund Pastor Friedrich Mockert war als Nachfolger Engels in diese Pfarrstelle berufen worden.
Johannes Conrad hatte das Empfinden, dass der strahlende Glanz, der auf der Gemeinde gelegen hatte, zurückgegangen war. Es fehlte der einzigartige Gottesmann, der ein Leben lang in dieser Gemeinde ein unvergleichlicher Seelsorger gewesen war.
Friedrich Mockert und Johannes Conrad waren verschieden in ihrer Art und Veranlagung, aber eines Geistes und einig in dem Ziel, der Gemeinde den geschenkten Segen nicht nur zu erhalten, sondern noch zu vertiefen.
Ihre Vorstellungen und Planungen in der Gemeinde wurden im Gebet vorbereitet und nur dann verwirklicht, wenn sie von beiden abgestimmt waren. Es gab keine Entscheidungen in der Gemeinde, die nicht von beiden getragen wurden.
Zu erwähnen ist, dass Gott, der Herr, nicht nur in den Nümbrechter Ortschaften, sondern im ganzen Gebiet des südlichen Oberbergischen Kreises um 1905 eine große Erweckung schenkte, die ihre vollen seelsorgerlichen Kräfte forderte.
Pfarrer in Emden von 1907- 1922
Pastor Conrad folgte 1907 einem Ruf der Reformierten Gemeinde in Emden. Dort wurde er von dem leitenden Pfarrer der Gemeinde, Pastor Middendorf, eingeführt.
Sein Sohn, der später Kirchenpräsident wurde, zeichnet Conrad aus, als einen Mann von seltener Begabung, mit einer hervorragenden Predigtgabe und einer vorbildlich seelsorgerlichen Treue.
Hier widmete sich Johannes Conrad neben seiner Tätigkeit als Gemeindepfarrer dem Verein des Blauen Kreuzes, der einen erstaunlichen Aufbruch erlebte.
Die älteste Tochter von Johannes Conrad gibt uns einen Einblick in die damalige Arbeit: „Als Vater nach Emden kam und die Blaukreuzarbeit von Pastor Voget übernahm, waren die Versammlungen in einer alten Turnhalle, die später abgerissen wurde. Ich habe noch gut vor Augen, wie die Grundsteinlegung des Hauses war. Wie herrlich kam uns das neue Haus vor, mit dem großem Saal und dem großen Podium für den Chor! Wie oft war das Haus brechend voll, z.B. bei Familientagen des Blauen Kreuzes.“
Johannes Conrad hat viele Beiträge für die von Pfarrer Gauger herausgegeben Zeitschrift „Licht und Leben“ geschrieben und war Mitherausgeber des Sonntagsblattes für Reformierte Gemeinden. Er war als Festredner auf den Gnaudauer Pfingstkonferenzen geschätzt und auch maßgeblich in dem Ostfriesischen Verband der Landekirchlichen Gemeinschaften tätig.
In seiner Emdener Zeit erkrankte seine Frau Anna, die übrigens aus Ostfriesland stammte, an einem Lungenleiden und starb im Jahre 1922. Weil auch die Gesundheit seiner zweiten Tochter sehr angegriffen war, war er froh, dass ihn die Kirchengemeinde Nümbrecht zum 2. Mal als Pfarrer berief.
Das zweite Mal Pfarrer in Nümbrecht von 1925-1945
Die Gemeinde in Emden trauerte ihm nach. Viele Jahre später, beim Heimgang von Johannes Conrad, im Jahre 1957, schrieb „das Reformierte Sonntagsblatt“ in Emden: „Es hat wenige Prediger gegeben, die so nachhaltig auf das geistliche Leben Ostfrieslands und darüber hinaus eingewirkt haben wie Pastor Conrad. Seine Emdener Gemeinde und die Landeskirchlichen Gemeinschaften zehren von dem Segenserbe, das er hinterlassen hat“
Von dieser vollmächtigen Verkündigung zeugt auch die nach seiner Scheidung von Emden herausgegebenen Predigtsammlung: „Ich will mich meiner Herde selbst annehmen“.
Am 1. Adventssonntag 1925 wurde er zum zweiten Mal in Nümbrecht von dem in dieser Zeit in Nümbrecht wirkenden Pfarrer Hans Nieden eingeführt.
Es gehörte zur Tradition, das beide Pfarrer in jeder Wochen abwechselnd, im Oberen- oder Unteren Bezirk, eine sogenannte größere Stunde für die etwa 45 Bibelkreise in der Gemeinde hielten. Daneben gab es die wöchentliche Bibelstunde, die jeder in seinem Bezirk zu verantworten hatte.
Die Kinder der Gemeinde mussten zweimal in der Woche zum kirchlichen Unterricht nach Nümbrecht kommen. So hatte der eine Pfarrer die Konfirmanden, der andere die Katechumenen oder umgekehrt zu unterrichten. In einem Jahrgang zählte man bis zu hundertzwanzig Kinder.
Auch von Nümbrecht aus wurde Conrad zu christlichen Tagungen und Jahresfesten eingeladen, z.B. zu den jährlich stattfindenden Tersteegen-Ruh-Konferenzen.
Sein Leben war geprägt vom Forschen in der Bibel. Die gewonnen Erkenntnisse hat er nicht nur in Predigten, Vorträgen und seelsorgerlichen Gesprächen wiedergegeben, sondern auch durch viele Schriften.
Ein Presbyter sagte mir: „Niemand, der es miterlebte, wird seine Verkündigung über Johannes Kapitel 15 vergessen.“ Lange Zeit hatte er in der Stille mit diesen Worten des Evangeliums gelebt und an sich selber wirken lassen, ehe er darüber sprach. Das „Eins sein in Christus“ wurde mehr und mehr zum Inhalt seines Lebens.
Pfarrer im Nazireich
Im Jahre 1933 bahnte sich in Deutschland die Tragödie des Nationalsozialismus an, die Conrad, wie die meisten Christen in Nümbrecht, nicht richtig einzuordnen wussten.
Als sich im Kirchenkreis unter dem Superintendent Herbert von Öttingen „die Bekennende Kirche“ sammelte, waren die Pfarrer J. Conrad und H. Nieden nicht dabei. Das ist kein Ruhmesblatt für die Nümbrechter Pfarrer, auch nicht für die Gemeinde, die nicht bereit war, sich auf die Seite der Bekennenden Kirche zu stellen. Viele Christen im Kirchenkreis konnten das nicht begreifen, es bereitete ihnen Not.
Pastor Dr. Humburg, Präses der Bekennenden Kirche, schreibt am 31. Dezember 1936: „Vielleicht das Unheimlichste von allem ist die Verwirrung in den Reihen derer, die sich zu diesem Evangelium in Christus bekennen. Ein großer Teil von uns durchschaut nicht die Gefahr und lässt sich, ohne es zu wollen - oder auch zu merken – in den Dienst der absichtsvollen Vernebelung stellen, die notwendig ist, damit die politische Religion langsam ohne Rumor, das ganze Gebiet der Öffentlichkeit des deutschen Volkslebens besetzt.“
Leider hatte Pastor Conrad an dieser Stelle, wie viele Gläubige jener Zeit, nicht die Gabe „ die Geister zu unterscheiden“.
Er erkannte viel zu spät das Verführerische und Satanische an dieser Bewegung. Nach meinen Erkenntnissen hat sich Pastor Hans Nieden der Ablehnung gegenüber der Bekennenden Kirche gefügt, um es nicht zum Bruch mit dem älteren Bruder kommen zulassen.
Viele Christen in den Kirchen und Freikirchen folgten blind ihrem Führer. Sie glaubten ihm „ohne wenn und aber“. Für uns ist es heute kaum vorstellbar, in welchen Sog der Verblendung damals das ganze Land geraten war und es nicht erkannte.
Es ehrt Johannes Conrad, dass er sich unter dieser falschen Einschätzung des Nationalsozialismus öffentlich tief gebeugt hat.
Sein Ruhestand von 1945 bis 1957
Mit 74 Jahren legte er 1945, nach dem Ende des Krieges, sein Pfarramt nieder.
Er setze sich auch im Ruhestand weiter für seine Gemeinde in Nümbrecht ein. Das brachte sicher auch Probleme für seine Nachfolger, die sich erst einmal profilieren mussten.
Jetzt hatte er die Gelegenheit sich ganz der Blaukreuzarbeit in Deutschland zur Verfügung zu stellen. Er leitete viele Rüstzeiten und sprach im Juni 1948 auf der ersten Bundeskonferenz nach dem Krieg in Eiserfeld, die etwa 1400 Besucher zählte.
1950 überfiel ihn eine Herzschwäche, die seine Tätigkeit sehr einschränkte. Aber schon im Jahre 1952 finden wir ihn in Ulm wieder, wo er auf einer Süddeutschen Jubiläumskonferenz des Blauen Kreuzes über das Thema spricht: „Die Kraftquellen des Blauen Kreuzes“.
Der Musiker und Chorleiter
Zu erwähnen ist noch, dass viele Nümbrechter Johannes Conrad als Chorleiter in Erinnerung haben. Scherzweise konnte Johannes sagen: „Ich hätte wohl Musikdirektor werden können“. Er setzte sich bis ins hohe Alter für die christlichen Chöre ein, weil es ihm darum ging, durch Musik Menschen für Jesus zu gewinnen.
Schon 1910 hatte er in Emden einen Blaukreuzmännerchor gegründet. Viele Abendstunden widmete er den Chören in Nümbrecht, besonders in der Kriegszeit, als die Chorleiter eingezogen waren. Zeitweise waren es vier Chöre, die er wöchentlich besuchte. Das Fahrrad war sein Fortbewegungsmittel. Besonders lag ihm der Chor in Niederbreidenbach am Herzen.
Er vertonte viele christlichen Texte und schuf die in Nümbrecht gern gesungene Weihnachtsmotette: „Das Wort ward Fleisch“ und die Motette für Karfreitag: „Fürwahr er trug unsere Krankheit.“
Für den Ruhestand hatte er sich vorgenommen, ein Buch über das christliche Leben der Oberberger im 19 Jahrhundert herauszugeben. Leider konnte er diesen Plan, nicht verwirklichen.
Am 26. Februar 1957 wurde Johannes Conrad von seinem Herrn abgerufen. Am folgenden Sonntag wurde er zu Grabe getragen. Die Gedächtnisrede in der Kirche hielt sein Mitbruder Hans Nieden über 1. Kor.15,10: „Von Gottes Gnade bin ich, was ich bin“. Unzählige Menschen begleiteten ihren Pfarrer zum Grabe. Hier sprachen viele Vertreter von Kirchen und Werken, Worte der Erinnerung und des Dankes. Die Gemeinde sang das Nümbrechter Osterlied, die Chöre das Jubellied seines Lebens:
„Auf Adlers Flügeln getragen übers brausende Meer der Zeit, getragen auf Adlers Flügeln bis hinein in die Ewigkeit“
Quellen: Rettende Botschaft: Pastor Johannes Conrad, Schriftenreihe des Blauen Kreuzes 1962
Werner Humburg und Arno Pagel: Es geschah in Barmen und Stuttgart 1936 (Verlag der Frankebuchhandlung, Marburg – 1985)
Spurensuche Berichte und Ausätze- (Evangelische Kirchengemeinde Nümbrecht:1996)