Herbert von Oettingen
Pfarrer in Nümbrecht von 1908 bis 1912
Herbert von Oettingen wurde am 14. Dezember 1874 in Dorpat (Estland) geboren.
Er stammte aus einer deutsch - baltischen Familie. Sein Vater war Professor der Augenheilkunde an der Universität Dorpat. Weil die deutschen Gymnasien in Estland russifiziert wurden, entschlossen sich die Eltern, den dreizehnjährigen Sohn in eine Internatsschule der Brüdergemeine im oberschlesischen Niesky zu geben. Dort blieb er bis zur mittleren Reife und wohnte dann bis zum Abitur bei einer Tante in Weringerode (Harz). Bei den damaligen Verkehrsverhältnissen war es ihm über die ganze Schulzeit hindurch nicht möglich, mehr als einmal im Jahr, nämlich in den großen Ferien, zu Eltern und Geschwistern in die Heimat zu fahren. Nach seinen Aussagen hat er sehr unter Heimweh gelitten und von daher die Verbindung mit dem Elternhaus gehalten. Allwöchentlich schrieb er einen ausführlichen Brief, der von der Mutter ebenso ausführlich erwidert wurde.
Die Berufswahl fiel ihm schwer. Da er sehr gut Klavier spielen und improvisieren konnte, wollte er eigentlich Musiker werden, was der Vater ihm aber nicht erlaubte. Ohne besondere Berufung fing er dann sein theologisches Studium in Berlin und Erlangen an. Als er nach drei Semestern Studium in Halle ankam, so bekannte er, sei er bettelarm gewesen. Das war die Zeit, in der sich seine Bibel in lauter Einzelblätter aufgelöst hatte. Der Sturmwind der Kritik hatte ein Blatt nach dem anderen verweht und die wenigen Blätter, die übrig blieben, konnten ihm in seiner Armut nicht helfen. Aber längst hatte die Barmherzigkeit Gottes sich diesen Mann ausersehen, um die besondere Berufung zum Heil und Dienst an ihm zu beginnen und zu vollenden. Ein älterer Student namens Paul Humburg lud ihn in die Studentengemeinde ein. Auf einer Studentenkonferenz der Deutschen christlichen Studentenbewegung (DCSV) vom 7. bis 11. August 1901 erfuhr er eine tief greifende Bekehrung. Er erlebte die Wirklichkeit des lebendigen Christus, die umfassend in sein Leben eingriff. Jetzt ging er ganz anders an sein Theologiestudium heran. Im Hallenser Kreis der DCSV fand er Brüder des Glaubens, mit denen er bis an sein Lebensende enge Verbindung hielt, so auch mit Julius Schniewind, der später als Theologieprofessor in Königsberg und Halle wirkte. Die längste Zeit seines Studiums verbrachte er in Halle, wo Professor Martin Kähler lehrte, dem er viel verdankte.
Als Herbert von Oettingen ins Vikariat in Wuppertal - Elberfeld kam, empfahl Schniewind ihm sein dortiges Elternhaus als Unterkunft. Hier begegnete er seiner späteren Ehefrau Marianne Schniewind.
Nach seinem Vikariat war von Oettingen eineinhalb Jahre lang theologischer Lehrer in der Evangelistenschule Johanneum in Wuppertal. Mit diesem freien Werk innerhalb der Kirche blieb er ein ganzes Leben eng verbunden.
Durch den Dienst im Johanneum lernte er auch das Oberbergische kennen. Jahr für Jahr gingen die Brüder, die sich dort in der Ausbildung befanden, in die Gemeinden des Oberbergischen Landes und sammelten Kartoffel für die Versorgung des Brüderhauses. Sie wohnten bei den Familien und hielten Bibelstunden. Weil zu jener Zeit die Pfarrstelle in Nümbrecht vakant war, bewarb sich der Hilfsprediger von Oettingen. Die Kirchengemeinde berief ihn in seine erste Pfarrstelle. Im Januar 1909 heiratete er Marianne Schniewind. In der Osterzeit desselben Jahres zog das junge Paar ins Nümbrechter Pfarrhaus an der Hauptstraße ein. Herbert von Oettingen wurde Nachfolger von Friedrich Mockert, der 1908 nach Frankfurt am Main gegangen war und sich neben seinem pfarramtlichen Dienst für die von ihm mitgegründeten Schülerkreise an den Oberschulen in ganz Deutschland einsetzte.
Warum ist von Oettingen nur drei Jahre in Nümbrecht geblieben? Es war doch ein Wirkungsplatz, an dem er mitten in eine Erweckung kam? Die Gemeinde, Gruppen und Kreise nahmen seinen Dienst dankbar an. Noch in den letzten Jahren seines Lebens hat er sich ein stilles Plätzchen in Malzhagen gesucht, weil er mit vielen Geschwistern in Nümbrecht verbunden war. Der schnelle Wechsel vieler Pfarrer ist wohl nur so zu erklären, dass die jungen Brüder, die von Universitäten nach Nümbrecht kamen, den vielen Aufgaben, die ältere Pastoren oft mit Erfahrung und Routine erledigten, nicht gewachsen waren. Wenn Ehe und Familie zu kurz kommen, erlahmt die Freude am Dienst oft sehr schnell. Die Kinder berichten, dass der Vater gern von seinen Nümbrechter Jahren erzählte, z. B. wie er mehrmals in der Woche zu Fuß in die Dörfer gegangen sei, zum „Stündchen „ und wie er allerorten die segensreichen Spuren vom „alten Engels“ vorfand. Im Waisensaal habe vorn der Wandspruch gehangen: „Nimm es ernst!“ In Nümbrecht wurde dem Ehepaar ihre erste Tochter geboren, die leider mit sieben Jahren an Hirnhautentzündung starb. Pastor von Oettingen wirkte von 1912 bis 1919 in Viersen. Dort wurden dem Ehepaar drei Kinder geboren. Da der Ehefrau das niederrheinische Klima nicht bekam - sie litt unter starkem Asthma - wechselten sie 1919 nach Davos in der Schweiz, wo es eine deutsche evangelische Gemeinde gab.
In diesen Wanderjahren reifte er und kehrte ins Oberbergische zurück. Der Gemeinde in Gummersbach diente er von 1922 bis 1935 als Prediger und Seelsorger. Er fand hier nur wenig geistliches Leben vor. Er richtete bald eine Bibelstunde ein und rief vier Jugendgruppen ins Leben. (BK, MBK, und CVJM und einen Sonntagsverein für junge Mädchen.) Für all diese Gruppen wurde mit viel Selbsthilfe ein Jugendheim „Haus Sonnenberg“ erbaut.
1925 wurde er zum Superintendenten des Kirchenkreises „An der Agger“ gewählt. Weil er sich 1933 für die „Bekennende Kirche“ entschied, gab es viel Spannungen und Auseinandersetzungen durch die „Hitleranhänger“ unter den Pfarrern. Es hat ihn tief getroffen, dass alle seine Bemühungen – Gemeinde Jesu zu bauen - oft im Zerbruch endeten
Das kam auch in seiner Abschiedspredigt zum Ausdruck, wo er unter anderem sagte:. „Wenn ich auf den Weg der vergangenen 13 Jahre, besonders der letzten beiden Jahre, schaue, so muss ich sagen: „Vieles von dem, was Gott hier angefangen hatte, ist - soweit es unser irdisches Auge sehen kann - zerschlagen“.
Es hat ihm Kummer gemacht, dass viele Geschwister kein Verständnis für den Weg der bekennenden Kirche hatten. Später erklärte er in derselben Predigt: „Es gilt auch für das Deutsche Volk- und für jeden Menschen, „dass in keinem andern Heil ist, als im Namen Jesus Christi.“ Mögen viele mit hohen Worten davon reden, dass wir Gott in uns tragen und als seine Geschöpfe nur dem eigenen Herzen und Blut zu folgen haben, um unsere göttliche Bestimmung zu erfüllen, die Schrift und unser Gewissen sagt es uns und die christliche Gemeinde - getrieben vom Geiste Gottes- bezeugt es uns durch die Jahrhunderte im Leben und im Sterben: Wir sind ein verkehrtes Geschlecht, das ewig verloren ist, wenn es am Sünderheiland vorübergeht; wir sind ferne von Gott und dadurch blind und taub für die Wahrheit, wenn wir seinem Wirken nicht Raum geben, wenn wir uns nicht von ihm ziehen und erretten lassen.“
Das Verbot aller christlichen Jugendarbeit, die Überarbeitung und die zunehmende Irritationen durch die Hitlerzeit waren wohl auch der Grund für seinen Schlaganfall, der ihn dienstunfähig machte. Viele Ehrenämter hatte er in jener Zeit inne, die uns zeigen, wo sein Herz für die Sache des Reiches Gottes schlug. Er war im Vorstand des Gnadauer Verbandes, in dem alle kirchlichen Gemeinschaftswerke Deutschlands vereinigt waren und heute noch sind. In der Rheinprovinz war er Vorsitzender des Gemeinschaftsverbandes. Er setzte sich tatkräftig für die Tersteegensruh-Konferenz ein und diente auf der Hohengrete, (einem christlichen Freizeitheim bei Hamm an der Sieg), mit dem Wort. Er wollte als Jünger seines Herrn kein Einzelkämpfer sein, denn so sagte er: „Der Herr beruft in die Gemeinschaft der Kirche.“
1935 zog sich die ganze Familie ins „Privatleben“ zurück nach Wuppertal - Barmen. Da sich Pastor von Oettingen langsam erholte, fühlte er sich imstande in seinem geliebten Johanneum „Neues Testament“ zu lehren. Er hat den Kurs der Evangelistenschule in der schweren Zeit des Kirchenkampfes, der Kriegsnot und des Zusammenbruchs maßgebend mitbestimmt und war den Brüdern ein verstehender Seelsorger und väterlicher Freund. In seiner geistlichen Art war das unverlierbare Erbe der Erweckungsbewegung, durch die er als Student zu Christus geführt wurde, mit dem reformatorischen Verständnis des Evangeliums, wie es in der bekennenden Kirche neu geschenkt wurde, zu lebendiger Einheit zusammengewachsen.
Am 18. Oktober 1946 entschlief er mit 71 Jahren im Engelstift in Nümbrecht. Zuvor hatten ihn die Brüder, die sich auf der Kartoffel-Sammelfahrt im Oberbergischen aufhielten, fast allabendlich in seiner „stillen Klause“ in Malzhagen besucht. Die Brüder berichteten, dass es ernste aber auch heitere Stunden gewesen seien, Augenblicke der Besinnung und des Gebets. Ein zweiter Schlaganfall setze seinem Leben ein plötzliches Ende. Die große Gemeinde, die der Trauerfeier in Wuppertal beiwohnte, wurde durch einen theologischen Lehrer des Johanneums aufgefordert: „Lasst uns sein Erbe in Treue bewahren! Es ist ausgesprochen in dem Mahnwort des Hebräerbriefes: „Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schauet an und folget ihrem Glauben nach!“
Quellen: Niederschrift der Tochter Dora
Abschiedspredigt von Sup. von Oettingen in Gummersbach am 9.6.35
Nachruf von Professor D. Otto Schmitz
Trauerfeier am 26.10.46 von Pastor Lic.Hermannus Obendiek
Gedächtnisrede von Pastor Lic.Grobe